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Messen statt raten – Evaluation für deine laufenden KI-Workflows

Schritt 1 von 8

Das Vibe-Check-Problem

Du änderst zwei Sätze, es fühlt sich besser an. Woran machst du das eigentlich fest?

Alte Messingwaage auf dunklem Holztisch, eine Schale leer, die andere mit einem einzelnen Papierstapel

Stell dir eine Serviceadresse vor. Jeden Tag laufen dort Mails ein. Ein Prompt sortiert sie nach Anliegen und schlägt eine Antwort vor. Das Ding läuft seit sechs Wochen und macht seinen Job.

Dann änderst du zwei Sätze im Prompt. Du testest mit drei Mails, die du gerade zur Hand hast. Die Antworten wirken runder. Du rollst die Änderung aus.

Eine Woche später beschwert sich jemand, dass eine Frist übersehen wurde. War das deine Änderung? Du weißt es nicht. Du kannst es nicht wissen, weil du nie festgehalten hast, wie gut es vorher war.

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Der Vibe-Check. Drei Mails sind keine Stichprobe, sie sind ein Gefühl. Und ein Gefühl kannst du nicht mit dem Gefühl von letzter Woche vergleichen, weil du es nicht aufgeschrieben hast. Jede Prompt-Verbesserung ohne Testset ist Aberglaube: Du änderst etwas, es fühlt sich besser an, du hast keinen Beleg.

Der Unterschied zwischen glauben und wissen

Situation Ohne Testset glaubst du Mit Testset weißt du
Du änderst den PromptKlingt besser12 von 15 Fällen bestanden, vorher 9
Der Anbieter tauscht das ModellMerkst du erst beim KundenZwei Fälle kippen sofort, du siehst welche
Ein Kollege baut etwas umHoffentlich passt es nochDer Lauf zeigt es in fünf Minuten
Jemand fragt, ob das taugtBisher hat sich keiner beschwertHier sind die Fälle, hier ist der Stand

Das ist der Alltagsnutzen, wegen dem sich der Aufwand rechnet. Ein Modellwechsel bricht Prompts. Anbieter tauschen Modelle aus, ohne dich zu fragen. Ein Testset merkt das. Du merkst es sonst beim Kunden.

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Kurz zur Einordnung. In KI-Output kritisch bewerten geht es um einen Output und dein Urteil darüber: Stimmt das? In dieser Lesson geht es um viele Fälle und eine andere Frage: Ist es besser geworden? Das eine ist Handwerk am Einzelfall, das andere ist ein Messgerät.
Takeaway
Regel 1: Wenn du nicht sagen kannst, wie gut es vorher war, kannst du auch nicht sagen, dass es besser geworden ist. Ein Vergleich braucht zwei Messpunkte.
Schritt 2 von 8

Fehleranalyse zuerst

Der Satz, gegen den diese Lesson arbeitet: Wir brauchen erst ein Eval-Framework.

Ausgedruckte Textseiten auf dunklem Holz, handschriftliche Randnotizen mit Bleistift, Leselampe

Die naheliegende Reaktion auf Schritt 1 ist: Wir brauchen ein Werkzeug. Ein Dashboard, eine Metrik, irgendetwas mit Zahlen. Das ist der teuerste Weg, sich Arbeit zu ersparen.

Wer nicht 20 bis 50 echte Outputs von Hand gelesen hat, weiß nicht, was er messen soll. Du kannst keine Metrik bauen für einen Fehler, den du noch nie gesehen hast. Und die Fehler, die deine Anwendung wirklich hat, sind fast nie die, die du erwartet hättest.

Der Ablauf in vier Schritten

  1. Fälle sammeln. Echte Durchläufe, keine ausgedachten. Eingabe und Ausgabe zusammen, nicht nur das Ergebnis.
  2. Offen notieren. Ein Fall, ein bis zwei Sätze in eigenen Worten. Noch keine Kategorien, noch keine Bewertung.
  3. Gruppieren. Notizen nebeneinanderlegen und zusammenschieben, was sich ähnelt. Aus den Gruppen werden Namen.
  4. Zählen. Wie oft kommt jede Gruppe vor? Erst hier entstehen Zahlen, und zwar aus dem Material statt aus einem Framework.

Das Verfahren stammt aus der qualitativen Sozialforschung. Erst offen kodieren, dann achsen-kodieren. Der Gruppierungsschritt ist der wichtigste und der, den fast alle überspringen.

Offene Notizen zu Service-Mails
Mail 03: Kunde nennt zwei Anliegen, Antwortvorschlag geht nur auf das erste ein.
Mail 07: Rechnungsnummer aus der Mail wurde in der Antwort falsch wiederholt.
Mail 08: Ton ist zu locker, Kunde war deutlich verärgert.
Mail 11: Frist "bis Freitag" taucht in der Antwort gar nicht auf.
Mail 12: Zweites Anliegen fehlt wieder.
Mail 15: Erfindet eine Bearbeitungszeit, die nirgends steht.

Sechs Notizen, und du siehst schon, wohin es geht. Zwei Mails mit demselben Muster, zwei mit einem Zahlen- oder Fristproblem, eine Tonlage, eine Erfindung. Das ist mehr Erkenntnis als jedes Dashboard dir im ersten Monat liefert.

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Zahlen aus der Praxis (Hamel Husain und Shreya Shankar, AI Evals FAQ): 20 bis 50 Outputs bei jeder wesentlichen Änderung durchsehen. Zum Einstieg mindestens 100 Fälle. Danach wöchentlich 10 bis 20, mit Blick auf die Ausreißer. Ihr Erfahrungswert für den Aufwand: 60 bis 80 Prozent der Entwicklungszeit gehen in Fehleranalyse und Evaluation. Der Löwenanteil davon ins Verstehen, nicht ins Bauen.

Wer entscheidet, was ein Fehler ist

Eine Person, die die Nutzer wirklich versteht. Nicht das Team im Konsens. Husain nennt das den wohlwollenden Diktator: eine Domänenexpertin, deren Urteil gilt. Klingt unangenehm, spart aber die Diskussionen, in denen Qualitätsstandards zerredet werden.

Übung: dein erstes Fehler-Journal

Aufgabe: Nimm einen Prompt oder Assistenten, den du regelmäßig einsetzt. Sammle 15 echte Durchläufe der letzten Wochen.

  1. Lies jeden Fall einmal ganz durch, Eingabe und Ausgabe.
  2. Schreib ein bis zwei Sätze dazu, was dir auffällt. In eigenen Worten, ohne Kategorien.
  3. Widersteh dem Drang, sofort zu sortieren. Das kommt im nächsten Schritt.

Zeitaufwand: ~30 Minuten. Das ist die Investition, um die es in dieser Lesson geht.

Takeaway
Regel 2: Fehleranalyse kommt vor Werkzeugen. Erst lesen, dann notieren, dann gruppieren, dann zählen. Wer diesen Schritt überspringt, misst am Ende Dinge, die niemanden stören.
Schritt 3 von 8

Fehlertaxonomie und Priorisierung

Der Fehler, den du zuerst gefixt hättest, ist selten der häufigste.

Setzkasten aus Holz mit Messingschildern an den Fächern, unterschiedlich voll

Jetzt legst du die Notizen nebeneinander und schiebst zusammen, was sich ähnelt. Nicht nach vorgefertigten Kategorien, sondern nach dem, was tatsächlich dasteht. Die Namen der Gruppen entstehen zuletzt.

Fehlerkategorie Fälle von 40 Beispiel
Nur das erste Anliegen beantwortet11Mail enthält Reklamation und Adressänderung, Antwort geht nur auf die Reklamation ein
Frist nicht aufgegriffen7"bis Freitag" steht in der Mail, taucht in der Antwort nicht auf
Zahl aus der Mail falsch wiederholt5Rechnungsnummer um eine Ziffer verdreht
Tonlage passt nicht zur Verärgerung4Lockerer Ton bei einer deutlichen Beschwerde
Angabe erfunden2Nennt eine Bearbeitungszeit, die nirgends hinterlegt ist

Und hier passiert das Interessante. Die erfundene Angabe ist der Fehler, der dich am meisten aufregt. Sie kommt zweimal vor. Das übersehene zweite Anliegen regt niemanden auf, es fällt kaum auf, und es passiert elfmal. Wenn du deiner Empörung folgst, arbeitest du am seltensten Fehler.

🎯
Priorisiert wird nach Häufigkeit, nicht nach Bauchgefühl. Mit einer Ausnahme: Fehler mit echtem Schaden dürfen vorgezogen werden, auch wenn sie selten sind. Eine erfundene Zusage an einen Kunden kann teurer sein als zehn unvollständige Antworten. Aber diese Ausnahme begründest du bewusst, statt sie dir vom Bauchgefühl diktieren zu lassen.

Wann du aufhören kannst

Wenn ungefähr 20 weitere Fälle keine neue Kategorie mehr hervorbringen, hast du das Feld abgedeckt. Der Fachbegriff dafür ist Sättigung. Du musst nicht jeden möglichen Fehler erwischen, sondern die, die tatsächlich vorkommen.

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Dasselbe Prinzip von der anderen Seite: In Vom Prompt zum Loop geht es um Sättigung bei Prüfungen. Wenn ein Test irgendwann alles besteht, misst er nichts mehr. Beides ist dieselbe Idee. Prüfungen müssen dort wehtun, wo es noch nicht rundläuft.
Übung: gruppieren und zählen

Aufgabe: Nimm die Notizen aus der letzten Übung.

  1. Schieb zusammen, was sich ähnelt. Drei bis sechs Gruppen reichen.
  2. Gib jeder Gruppe einen Namen, der beschreibt, was schiefgeht, nicht wie schlimm es ist.
  3. Zähl die Fälle pro Gruppe und sortier absteigend.
  4. Vergleich die oberste Zeile mit dem Fehler, den du vor der Übung als größtes Problem benannt hättest.

Zeitaufwand: ~15 Minuten.

Takeaway
Regel 3: Kategorien kommen aus dem Material, die Reihenfolge kommt aus den Häufigkeiten. Dein Bauchgefühl darf mitreden, aber es entscheidet nicht.
Schritt 4 von 8

Vom Fehler zum Testfall

Ein Testset ist kein Datensatz. Es ist eine Sammlung von Fällen, bei denen es schon mal schiefging.

Karteikartenbox aus Holz mit Messingbeschlag, einzelne Karten stehen hervor

Aus jeder Fehlerkategorie wird mindestens ein Testfall. Dazu die Grenzfälle, die dir schon mal um die Ohren geflogen sind. Zusammen sind das 10 bis 20 Fälle, nicht 500.

Echte Fälle schlagen ausgedachte, und zwar deutlich. Ausgedachte Testfälle sind ordentlich formuliert, haben ein Anliegen und einen höflichen Ton. Echte Mails haben drei Anliegen, einen Rechtschreibfehler im Namen, eine Frist im Nebensatz und manchmal Wut. Genau daran scheitert dein Prompt.

Die Vorlage

Eingabe Erwartetes Verhalten Prüfart Kriterium (Ja/Nein) Letzter Stand
Mail mit Reklamation und AdressänderungBeide Anliegen werden aufgegriffenJudgeWerden beide Anliegen in der Antwort behandelt?Bestanden, 22.07.
Mail mit "Rückmeldung bis Freitag"Frist wird in der Antwort genanntDeterministischEnthält die Antwort die Frist aus der Mail?Durchgefallen, 22.07.
Mail mit RechnungsnummerNummer wird korrekt übernommenDeterministischStimmt die Nummer zeichengenau?Bestanden, 22.07.
Deutlich verärgerte BeschwerdeTon bleibt sachlich und deeskalierendRubrikWürdest du diese Antwort so rausschicken?Bestanden, 22.07.
Frage zur BearbeitungsdauerKeine Zusage ohne hinterlegte AngabeDeterministischNennt die Antwort eine Dauer, die nicht hinterlegt ist?Bestanden, 22.07.
📋
Das reicht als Tabelle. Fünf Spalten in einem Sheet, eine Zeile pro Fall. Du brauchst dafür kein Werkzeug und keinen Code. Der Wert steckt darin, dass die Fälle festgeschrieben sind und du sie wiederholen kannst, nicht in der Technik drumherum.

Die letzte Spalte ist die, die am meisten Arbeit macht und am meisten bringt. Sie macht aus einer Liste ein Protokoll. Beim nächsten Lauf siehst du nicht nur, was durchfällt, sondern was neu durchfällt.

Übung: deine Testset-Skizze

Aufgabe: Bau die Vorlage oben in einem Sheet nach und füll sie mit deinen eigenen Fällen.

  1. Pro Fehlerkategorie aus der letzten Übung ein Fall.
  2. Dazu zwei bis drei Grenzfälle, die schon mal schiefgegangen sind.
  3. Formulier die vierte Spalte konsequent als Ja/Nein-Frage. Wenn dir das schwerfällt, ist der nächste Schritt für dich.

Zeitaufwand: ~20 Minuten. Ergebnis: dein erstes Testset.

Takeaway
Regel 4: Ein gutes Testset ist klein, echt und gemein. 15 Fälle aus dem wirklichen Betrieb sind mehr wert als 500 saubere Beispiele.
Schritt 5 von 8

Drei Arten zu messen

Fang beim Billigsten an. Die meisten Fehler fängst du ohne jede Intelligenz.

Drei Messwerkzeuge nebeneinander auf dunklem Holz: Messschieber, Waage, Lupe
Prüfart Was sie kann Was sie kostet Wo sie an die Grenze kommt
Deterministisch
Suchen, Vergleichen, Formatprüfung
Enthält die Antwort die Frist? Stimmt die Nummer? Ist das Format eingehalten?Fast nichts. Einmal aufschreiben, läuft ewigKann nur prüfen, was sich buchstäblich prüfen lässt
Menschliche Rubrik
Du oder deine Fachexpertin liest
Alles. Ton, Angemessenheit, Sinn, alles was Urteil brauchtTeuer. Deine Zeit, jedes Mal aufs NeueSkaliert nicht. Und du wirst müde und milde
LLM-as-Judge
Ein Modell bewertet die Ausgabe
Skaliert menschliches Urteil auf viele FälleMittel im Betrieb, hoch beim EinrichtenIst selbst unzuverlässig. Braucht Kalibrierung, siehe nächster Schritt

Die Reihenfolge ist keine Geschmacksfrage. Geh jede Fehlerkategorie durch und frag: Lässt sich das buchstäblich prüfen? Bei überraschend vielen Fehlern lautet die Antwort ja.

Deterministische Checks im Klartext
Frist:      Antwort enthält das Datum, das in der Mail steht.
Nummer:     Rechnungsnummer aus der Mail kommt zeichengenau vor.
Kein Preis: Antwort enthält kein Eurozeichen und keine Prozentangabe.
Länge:      Antwort ist kürzer als 200 Wörter.
Anrede:     Antwort beginnt mit "Sehr geehrte" oder "Hallo".
Keine Zusage: Antwort enthält nicht "garantiert", "sicher bis", "spätestens".

Sechs Zeilen, keine davon braucht ein Modell. Zwei der fünf Fehlerkategorien aus Schritt 3 sind damit abgedeckt. Das ist der Grund, warum du nicht mit dem Judge anfängst.

💰
Kosten-Nutzen-Regel. Wenn eine simple Prüfung den Fehler fängt, lohnt sie sich fast immer. Einen Judge einzurichten und zu kalibrieren kostet dagegen echte Arbeit: Beispiele labeln, gegenprüfen, nachjustieren, und das regelmäßig. Diesen Aufwand muss der Fehlermodus rechtfertigen. Faustregel: erst investieren, wenn ein Fehler nach dem Prompt-Fix immer noch da ist.

Und die menschliche Rubrik verschwindet nie ganz. Sie ist der Maßstab, an dem alles andere geeicht wird. Ein Judge, der nie gegen menschliches Urteil geprüft wurde, misst nur seine eigene Meinung.

Takeaway
Regel 5: Billigste Prüfung zuerst. Deterministisch, wo es geht. Menschlich, wo es zählt. Judge nur dort, wo beides nicht reicht und der Fehler oft genug vorkommt.
Schritt 6 von 8

Binär statt Skala

Hilfsbereitschaft 4,2. Und jetzt? Niemand weiß, was 4,2 auf 4,7 bedeutet.

Alter Kippschalter aus Messing auf dunkler Platte, daneben ein Drehregler mit verwischter Skala

Der erste Reflex beim Bewerten ist eine Skala. Hilfsbereitschaft 1 bis 5. Klarheit 1 bis 5. Am Ende steht ein Dashboard mit Durchschnittswerten, und niemand kann sagen, was sie bedeuten.

Was ist der Unterschied zwischen 3 und 4? Frag zwei Leute, du bekommst zwei Antworten. Frag dieselbe Person nächste Woche nochmal, du bekommst eine dritte. Und wenn der Wert von 4,2 auf 4,7 steigt, weiß niemand, ob das ein Erfolg ist oder Rauschen.

Schwammig wird konkret

Schwammiges Kriterium Als Ja/Nein-Frage
Die Antwort war zu lang und unklarBeantwortet die Antwort die gestellte Frage in den ersten drei Sätzen?
Der Ton war unpassendWürdest du diese Antwort einer verärgerten Kundin so schicken?
Die Antwort war unvollständigWird jedes in der Mail genannte Anliegen in der Antwort behandelt?
Zu viel erfundenEnthält die Antwort eine Angabe, die nicht in der Mail oder im hinterlegten Wissen steht?
Wirkt insgesamt hilfreichKann die Kundin nach dieser Antwort den nächsten Schritt tun, ohne nachzufragen?

Sieh dir die rechte Spalte an. Jede Zeile ist ein konkreter Fehlermodus, kein Gefühl. Und jede lässt sich mit Ja oder Nein beantworten, ohne dass zwei Leute streiten müssen.

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Warum das besser ist, in drei Punkten: Erstens Verlässlichkeit. Bei Ja/Nein sind sich zwei Prüfer eher einig als bei 3 gegen 4. Zweitens Statistik. Um bei Skalen einen echten Unterschied nachzuweisen, brauchst du deutlich mehr Fälle. Drittens Tempo. Du verschwendest keine Zeit mit der Frage, ob das jetzt eine 3 oder eine 4 ist. Methodische Grundlage: Shankar et al., Who Validates the Validators? (ACM 2024).

Ein Nebeneffekt, der unterschätzt wird: Skalen-Dashboards zerstören Vertrauen. Wenn in einer Runde jemand fragt, was die 4,2 bedeutet, und niemand kann es beantworten, ist die ganze Messung erledigt. "11 von 15 Fällen bestanden" versteht dagegen jeder sofort.

Übung: deine Kriterien schärfen

Aufgabe: Nimm die vierte Spalte deiner Testset-Skizze aus dem letzten Schritt.

  1. Streich jedes Kriterium, das ein Adjektiv enthält (gut, klar, hilfreich, angemessen).
  2. Formulier es neu als Frage, die mit Ja oder Nein beantwortbar ist.
  3. Prüf jede Frage gegen zwei echte Fälle: Kommst du bei beiden ohne Zögern zu einer Antwort? Wenn nicht, ist die Frage noch zu weit.

Tipp: Frag den KI-Assistenten unten, deine Kriterien auf versteckte Adjektive und Mehrdeutigkeit zu prüfen.

Takeaway
Regel 6: Eine konkrete Ja/Nein-Frage pro Fehlermodus schlägt jede Skala. Wenn du dein Kriterium nicht binär formulieren kannst, hast du den Fehler noch nicht verstanden.
Schritt 7 von 8

Wer prüft den Prüfer

Ein Modell, das andere Modelle bewertet, hat dieselben Macken wie die, die es bewertet.

Zwei gegenüberliegende Spiegel in Messingrahmen auf dunklem Holz, eine Kerze dazwischen

Wenn du einen Judge einsetzt, hast du das Problem nicht gelöst, sondern verschoben. Du hast jetzt zwei Modelle, denen du vertrauen musst, statt einem.

Ein Judge ist ein Prompt, keine Funktion. Eine Funktion gibt bei gleicher Eingabe immer dasselbe zurück. Ein Judge nicht. Er reagiert auf Reihenfolge, auf Länge, auf Formulierung. Und wenn der Anbieter das Modell dahinter austauscht, ändert sich dein Maßstab, ohne dass du etwas angefasst hast.

Vier dokumentierte Verzerrungen

Verzerrung Was passiert Gegenmittel
PositionBei einem Vergleich zweier Antworten hängt das Urteil davon ab, welche zuerst kommtReihenfolge pro Vergleich mischen, oder beide Reihenfolgen laufen lassen und reihenfolgeabhängige Urteile als Gleichstand werten
LängeLängere Antworten werden bevorzugt, auch wenn sie nicht besser sindIn der Rubrik ausdrücklich verlangen, Länge nicht zu belohnen. Gegen einen bekannt falschen Langtext eichen
SelbstbevorzugungEin Modell bewertet Texte höher, die seiner eigenen Machart ähnelnNiemals dasselbe Modell als Judge und als Kandidat. Wenn möglich Modelle aus verschiedenen Häusern
StilGut klingende Antworten werden für richtiger gehalten als sperrige korrekteKorrektheit und Stil getrennt bewerten, in zwei Fragen statt einer
📏
Zur Ehrlichkeit: Diese vier Verzerrungen sind gut dokumentiert (Zheng et al. 2024 für Position, Länge und Selbstbevorzugung; Wataoka et al. 2024 für den Mechanismus dahinter). Wie stark sie wirken, hängt vom Modell und von der Aufgabe ab. Kursierende Prozentzahlen stammen meist aus Sekundärquellen und lassen sich in den Originalarbeiten nicht so nachlesen. Behandle die Verzerrungen als Kategorien, die du kennen musst, nicht als Werte, mit denen du rechnest.

Der Widerspruch, den du selbst nachstellen kannst

Judge-Prompt, zweimal mit getauschter Reihenfolge
Lauf 1:
  Hier sind zwei Antworten auf dieselbe Kundenmail.
  Antwort A: <deine alte Fassung>
  Antwort B: <deine neue Fassung>
  Welche behandelt alle Anliegen der Mail? Antworte nur mit A oder B.

Lauf 2:
  Hier sind zwei Antworten auf dieselbe Kundenmail.
  Antwort A: <deine neue Fassung>
  Antwort B: <deine alte Fassung>
  Welche behandelt alle Anliegen der Mail? Antworte nur mit A oder B.

Wenn beide Läufe dieselbe Position wählen statt derselben Antwort,
hast du gerade Positionsverzerrung gemessen.

Das dauert fünf Minuten und ist überzeugender als jede Studie. Nimm zwei Antworten, die sich wirklich unterscheiden, und lass beide Reihenfolgen laufen.

Die drei Regeln für einen brauchbaren Judge

  1. Binär fragen. Eine konkrete Ja/Nein-Frage pro Fehlermodus, nicht eine Gesamtnote.
  2. Selbst labeln. Einen Teil der Fälle von Hand bewerten. Das ist dein Maßstab.
  3. Den Judge prüfen. Judge-Urteil gegen deine eigenen Labels halten. Wo er abweicht, ist die Rubrik unklar, nicht der Fall schwierig.

Dazu kommt die Buchführung: Judge-Modell, Rubrik-Fassung und Prompt-Vorlage gehören zusammen festgehalten und datiert. Ein Judge-Wechsel ist keine Einstellungsänderung, sondern ein neuer Maßstab. Nach einem Wechsel sind alle alten Ergebnisse nur noch eingeschränkt vergleichbar.

🤷
Die legitime Minimalposition: Judge weglassen. Deterministische Prüfungen für alles Buchstäbliche, und einmal im Monat selbst 20 Fälle lesen. Für die meisten Anwendungen, die eine Person betreut, ist das die ehrlichere Empfehlung. Ein schlecht kalibrierter Judge ist schlechter als gar keiner, weil er Sicherheit vortäuscht.
Takeaway
Regel 7: Niemals dasselbe Modell als Judge und als Kandidat. Und jeder Judge, der nicht gegen deine eigenen Labels geprüft wurde, misst nur sich selbst.
Schritt 8 von 8

Der Alltagsfall

Was du ab morgen tust, wenn sich etwas ändert.

Werkstattwand mit Messingwerkzeugen an Haken, jedes an seinem markierten Platz

Zurück zur Serviceadresse. Du hast jetzt 15 Fälle in einer Tabelle, binäre Kriterien und einen Stand vom letzten Lauf. Damit wird aus jeder Änderung eine Messung statt einer Hoffnung.

Auslöser Was du machst Aufwand
Du änderst den PromptAlle Fälle laufen lassen, Spalte 5 vergleichen20 Minuten
Der Anbieter tauscht das ModellDasselbe. Erwarte, dass etwas kippt20 Minuten
Eine Beschwerde kommt reinFall ins Testset aufnehmen, Kategorie prüfen10 Minuten
Nichts ist passiertEinmal im Monat 20 frische Fälle lesen30 Minuten

Die letzte Zeile ist die wichtigste und die, die zuerst wegfällt. Ein Testset veraltet. Es prüft die Fehler von damals. Die neuen findest du nur, indem du weiter liest.

Was du ab morgen tun kannst

  1. Eine halbe Stunde blocken und 20 echte Outputs lesen. Ohne Werkzeug, ohne Vorbereitung.
  2. Notizen gruppieren und zählen. Die häufigste Gruppe ist dein nächstes Thema.
  3. Pro Gruppe einen Testfall in eine Tabelle schreiben, Kriterium binär.
  4. Prüfen, welche Kriterien sich buchstäblich prüfen lassen. Mit denen anfangen.
  5. Den Stand datieren. Beim nächsten Mal hast du einen Vergleich.
🛠️
Und wann lohnt sich eine Plattform? Es gibt Werkzeuge, die Testsets verwalten, Läufe automatisch anstoßen und Ergebnisse über die Zeit vergleichen. Drei Anzeichen dafür, dass sich der Umstieg von der Tabelle lohnt: Mehrere Leute arbeiten an derselben Anwendung. Die Läufe sollen bei jeder Änderung von selbst starten. Oder du willst Verläufe über Monate sehen statt nur den letzten Stand. Trifft nichts davon zu, bleib beim Sheet. Die Namen wechseln ohnehin schneller, als du ein Werkzeug einführst.

Die Gegenposition, ehrlich gesagt

Es gibt das Argument, dass sich das alles erledigt, sobald die Modelle gut genug sind. Wer es vertritt, sagt: Der Aufwand von heute repariert Schwächen, die in zwei Jahren weg sind.

💬
Das Gegenargument, dem ich folge: Evaluation prüft nicht nur, ob das Modell gut arbeitet, sondern ob es das richtige Problem löst. Diese Frage stellt sich unabhängig von der Modellqualität. Dazu kommt ein praktischer Punkt: Die meisten Leute können erst sagen, was sie eigentlich wollen, nachdem sie gesehen haben, was die Maschine tut. Fehleranalyse ist der Weg dahin.
Abschluss: der erste Lauf

Aufgabe: Nimm dein Testset aus Schritt 4 und mach den ersten echten Durchgang.

  1. Alle Fälle einmal durchlaufen lassen, Ergebnisse in Spalte 5 mit Datum.
  2. Änder eine Sache am Prompt. Eine, nicht drei.
  3. Nochmal laufen lassen und vergleichen. Was ist besser geworden, was ist gekippt?

Wenn nichts kippt, ist dein Testset zu freundlich. Nimm die zwei Fälle dazu, bei denen du dir am unsichersten bist.

Zeitaufwand: ~30 Minuten.

Die sieben Regeln auf einen Blick

# Regel
1Ohne zwei Messpunkte kein Vergleich
2Fehleranalyse kommt vor Werkzeugen
3Kategorien aus dem Material, Reihenfolge aus den Häufigkeiten
4Testsets sind klein, echt und gemein
5Billigste Prüfung zuerst
6Eine Ja/Nein-Frage pro Fehlermodus
7Judge und Kandidat sind nie dasselbe Modell

Wenn du weiter willst: Agenten zu bewerten ist der schwerere Fall. Dort zählt nicht nur das Ergebnis, sondern der Weg dorthin, mit mehreren Schritten, Werkzeugaufrufen und Zwischenzuständen. Agent-Design-Space und Vom Prompt zum Loop sind die nächsten Stationen.

Takeaway
Der Kern in einem Satz: Evaluation beginnt nicht mit Werkzeugen, sondern mit 30 Minuten Lesen. Alles andere ist die Folge daraus.
Rico Loschke

Rico Loschke

KI-Stratege & Übersetzer zwischen Tech und Business

15+ Jahre Digitalisierung, 4+ Jahre KI. Ich übersetze zwischen Technologie und Unternehmensstrategie, berate und trainiere Organisationen auf ihrem KI-Weg. Hier teile ich, was ich dabei lerne.

loschke.ai. Visionen, Konzepte, Meinungen →
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Diese Lessons gibt es auch als Team-Training.

Workshops, Seminare und Begleitung für Unternehmen, die KI nicht nur verstehen, sondern anwenden wollen.

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